Virtuelles Objekt des Monats

Maren Kames’ Halb Taube Halb Pfau

Ein Objekt, das Literatur vernetzt und hörbar macht

Natalie Binczek

Oktober 2026
Entstehungsgeschichte: Was ist Maren Kames’ Halb Taube Halb Pfau?

Mit Maren Kames’ Halb Taube Halb Pfau liegt ein literarisches Projekt vor, das zugleich als ein virtuelles Objekt beschrieben werden kann, insofern es neben seiner medientechnischen Verfasstheit als gedrucktes Buch, das über QR-Codes mit einer Soundcloud verbunden und daher auch auditiv lesbar ist, performative Fort- und Umschreibungen sowie Adaptionen z.B. als Hörspiel umfasst. Auf eine gattungstypologische Selbstbezeichnung verzichtet der Text, jedoch wird er immer wieder der Lyrik zugeordnet. Dazu trägt auch die typographisch verdichtende Verteilung der (Vers)Zeilen bei. (Abb. 1)

Abb. 1

Nur wenige Seiten sind vollständig bedruckt, wodurch der weiße Leerraum als papierener Schriftträger und unmarked space hervortritt. Im wiederkehrenden Motiv vereister Landschaften und der damit verknüpften Reflexion ökologischer Fragilität wird das Weiß des Papiers semantisch fortgeführt. Das gesamte Buch ist nicht paginiert und damit der Ordnung des Nacheinander entzogen.

Abb. 2 und 3

2016 erscheint die Erstausgabe von Halb Taube Halb Pfau im Secession-Verlag für Literatur, in welcher mittels der typographischen Umsetzung der Name der Autorin sowie der Titel als Blockgesetzt werden. (Abb. 2) 2024 wird das Buch vom Suhrkamp-Verlag wieder veröffentlicht und neben anderen Veränderungen im Layout die beiden Funktionen, Autor und Titel, typographisch abgesetzt. (Abb. 3) Der Titel besteht aus vier Elementen, die in beiden Ausgaben auf derFrontseite des Buchdeckels untereinander gereiht werden. Die zweifache Nennung des Adjektivs »halb« verweist in der Summe auf ein Ganzes, das aber durch die referentielle Verbindung von »Taube« und »Pfau« nicht einlösbar erscheint. Weder lassen sich beide Vögel zu einem Tier verbinden, noch auch lässt sich die Fülle der von ihnen literatur-, kultur- und wissenshistorischen aufgerufenen Implikationen vereinheitlichen. Dabei hebt die Reihung der Wörter untereinander ihre auf vier Buchstaben beruhende Symmetrie hervor. Nur das Wort »Taube«besteht aus fünf Buchstaben. Um das »e« am Ende gekürzt, wandelt es sich in das Adjektiv »taub«. Der damit bestehende Bezug auf die Hörunfähigkeit markiert die für den gesamten Text konstitutive Dimension des akustischen Moments, das besonders deutlich in den ins Buch gleichsam eingestreuten vierzehn QR-Codes in Erscheinung tritt. (Abb. 4)

Abb. 4

 

Kompetenzen: Was kann Maren Kames’ Halb Taube Halb Pfau?

Maren Kames’ Halb Taube Halb Pfau lässt sich mit N. Katherine Hayles’ Konzept als ein »networked book« bestimmen. Das »networked book« ist für Hayles eine aktive Instanz der Wissensverarbeitung. Sie beschreibt solche digitalen Buchformen als Teil eines veränderlichen Gefüges, in dem Menschen und technische Systeme gemeinsam Informationen verarbeiten, deuten und Bedeutungen erzeugen. Die Softwarestrukturen hinter den so vernetzten Büchern übernehmen dabei Aufgaben wie Suchen, Verknüpfen, Analysieren, Formatieren und Organisieren von Texten und digitalen Objekten (Hayles 2021, 130). Halb Taube Halb Pfau organisiert dieses Gefüge, indem es Übersetzungs- und Transformationsprozesse zwischen digitalen und nicht-digitalen Elementen vollzieht. Weniger ein distinktes und homogenes Objekt, denn eine Folge bzw. ein Zusammenspiel unterschiedlicher Operationen, ist das »networked book« in »mixed-media ecologies« situiert, in welchen es selbst unterschiedliche Medienvarianten ausbilden kann: Als papierenes Buch, als E-Book oder PDF kommt es vor. Das Konzept lässt sich auch auf Transformationen erweitern, die die medientechnische Konstitution überschreiten. Wenn Hayles festhält, »the networked book […] is not just a cognitive support but a cognizer in its own right« (ebd.), dann hebt sie auf den Eigensinn der Vernetzung von Daten und der Variabilität ihrer auch interpretativen Verarbeitung ab. Es ist Teil eines Zusammenhangs, der als »cognitive assemblages« bezeichnet wird und »networks of human and technical systems through which information, interpretations, and meanings circulate«, herausbildet (ebd.). Der zugrunde liegende Netzbegriff ist weder ausschließlich algorithmisch, noch ausschließlich produktionstechnisch grundiert. Zwar partizipiert das »networked book« an algorithmischen Operationen, nutzt und implementiert sie, jedoch ist es vor allem ver-netzt; und zwar auch mit nicht-digitalen Elementen und Operationen.

Abb. 5

Werden die 14 QR-Codes mit dem Smartphone aktiviert, führen sie zur ›Soundcloud‹. Mit zwei der QR-Codes werden Songs verlinkt, die restlichen 12 Takes enthalten eigens für dieses Projekt produziertes und eingesprochenes Material. Im Impressum des Buchs werden unter »Audioebene« mehrere Personen kreditiert. (Abb. 5) Das Projekt wird somit als Ergebnis eines Kollektivs kenntlich gemacht. Neben der Autorin, die hier der Funktion »Textarrangement« zugeschrieben wird, werden die Regie, die Musik sowie die Sprecher*innen namentlich und anschließend auch die Internet-Adresse www.halb-taube-halb-pfau.com genannt. Auch in dieser Hinsicht erweitert und vernetzt sich das Buch.

 

Erkenntnisse: Was zeigt Maren Kames’ Halb Taube Halb Pfau?

Das Buchprojekt Halb Taube Halb Pfau verweist über sich auf etwas hinaus, das seine Konstitution als Druckwerk sprengt: auf den per QR-Code aktivierbaren Sound und die digitale Infrastruktur, die seine Aktivierung überhaupt erst ermöglicht, aber auch auf eine Homepage, die u.a. die adaptiven und performativen Umschreibungen des Textes verlinkt und kommentiert. Und nicht zuletzt auf später erschienenen Publikationen von Maren Kames, nämlich Luna Luna und Hasenprosa, verweist.

Als virtuelles Objekt führt Halb Taube Halb Pfau damit vor, wie ein literarischer Text sowohl als distinktes buchförmiges Objekt zu fassen, als auch als eine Folge bzw. ein Zusammenspiel unterschiedlicher Operationen konzipiert ist. Das Besondere an diesem Virtuellen Objekt des Monats liegt in dieser Ver-netzung mit digitalen und nicht-digitalen Elementen und Operationen: Der gedruckte Text mit seiner spezifischen typographischen Anordnung in einem nicht-paginierten Buch und die Takes auf der Soundcloud sowie seine auf der Homepage verzeichneten performativen Fort- und Umschreibungen greifen ineinander. Das Buch ist damit weniger ein abgeschlossenes Druckwerk als eine »mixed-media ecology«, in der Informationen, Interpretationen und Bedeutungen zirkulieren.

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Literatur

Maren Kames, Halb Taube, halb Pfau, Zürich: Secession Verlag für Literatur 2016.
Maren Kames, Halb Taube, halb Pfau, Berlin: Suhrkamp 2024.
N. Katherine Hyles, Postprint. Books and Becoming Computational, New York 2021.

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Das Virtuelle Objekt des Monats

Seit April 2023 stellen wir jeden Monat ein »Virtuelles Objekt des Monats« (VOM) auf der Website des Sonderforschungsbereichs 1567 »Virtuelle Lebenswelten« vor. Die präsentierten Objekte entstammen der Forschung in den Teilprojekten. Im Zusammenspiel von Text und Animation, desktop- oder smartphonebasierter Augmentierung oder anderer grafischer Aufbereitungen eröffnen wir Einblicke in die verschiedenen Forschungsthemen und den Arbeitsalltag des SFB. Das VOM macht unsere Wissensproduktion transparent. Zugleich wollen wir hier mit den Möglichkeiten und Grenzen der Wissensvermittlung in und durch Virtualität und Visualität experimentieren.

Das »Virtuelle Objekt des Monats« ist mehr als ein populärwissenschaftlicher Text und mehr als ein illustrierendes Bild. Die Autor*innen des jeweiligen VOM präsentieren kurz einen Gegenstand ihrer Forschung um daran ein Argument scharfzustellen. Dabei werden die Objekte auf ihren Mehrwert hin befragt, den sie in dem jeweiligen Forschungssetting preisgeben. Mit dem Text skizzieren unsere Wissenschaftler*innen das Bemerkenswerte, das Eigentümliche oder auch das Einzigartige, welches das jeweilige Objekt zeigt. Sie machen so die Forschung des SFB in einem kurzweiligen Schlaglicht sichtbar. Die zum VOM gehörende Visualisierung ist eine weitere Transformation des Forschungsgegenstands, die das Argument noch einmal auf eine andere Art und Weise zugänglich macht.

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