Ein Tool, das Flurgespräche in hybride Teams zurückbringt
Maike Adolph und Kassandra Kyei

Entstehungsgeschichte: Was ist HyHyve?
Seit der Corona-Pandemie sind immer mehr virtuelle Arbeitsumgebungen auf den Markt gekommen (Oehring et al., 2023). Eines davon ist HyHyve, eine Plattform für Networking und Online-Events, die einen virtuellen Arbeitsraum erschafft (HyHyve – Online Networking, o. D.). Hinter der Software steht ein Berliner Unternehmen, das virtuelle Zusammenkünfte so sozial und spielerisch wie möglich gestalten möchte und gleichzeitig einen sicheren Rahmen für die Daten der Nutzenden bieten will (LinkedIn HyHyve, o. D.).
Anstelle geplanter Videokonferenzen gibt es einen räumlichen Bereich, gestaltet wie ein Büro. Dort können Nutzende sich mithilfe von repräsentativen Icons, durch den Bereich bewegen, einander begegnen oder spontane Video- und Textchats beginnen. Die Icons können durch ein eigenes Foto, verschiedene Farben und Rollenbeschreibungen personalisiert werden (HyHyve – Online Networking, o. D.). Der Unterschied zur klassischen remote Arbeit mit geplanten Videokonferenzen ist die virtuelle dauerhaft zugängliche Räumlichkeit: Die Mitarbeitenden nehmen als Icons den virtuellen Büroarbeitsplatz ein, unabhängig von ihrem physischen Aufenthaltsort. Zudem übermittelt die Position des Icons implizit die Verfügbarkeit und den jeweiligen Arbeitsmodus. Damit entsteht ein weiterer Kommunikationskanal, über den durch die Position im virtuellen Büro vermittelt werden kann, ob eine Person bereit für soziale Interaktion ist – ähnlich wie im physischen Büro auf dem Weg zur Kaffeeküche – oder ob sie in konzentrierter Focus-Work am Schreibtisch sitzt (Rings, 2021; Oehring et al., 2023).
Kompetenzen: Was kann HyHyve?
In der virtuell geschaffenen Arbeitswelt von HyHyve können alle Mitarbeitenden, ob hybrid oder remote, zusammenkommen und spontan interagieren (HyHyve – OnlineNetworking, o. D.). Dabei stellt die virtuelle Arbeitswelt mehr als eine Kopie des physischen Büros dar. Neben Reihen mit Schreibtischen, Meetingräumen und Sitzecken können sich in HyHyve Pools, Strände oder Wiesen befinden. Damit werden diese virtuellen Arbeitswelten auch Orte der Verhandlung normativerVorstellungen über Arbeit und Verfügbarkeit: wie präsent darf/muss der Pool sein und was wird durch das Platzieren des eigenen Icons im Pool an die Teammitglieder kommuniziert? Signalisiere ich damit eine Pause und die Bereitschaft zum Plaudern, oder bin ich gerade auf dem Weg zum Sport oder in die Therapie, und erst in zwei Stunden wieder erreichbar?
Für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind oder remote arbeiten, eröffnet HyHyvedie Möglichkeit, an der Arbeitswelt und dem Arbeitsalltag der Teammitglieder teilzuhaben und sich im Raum zu verhalten, ohne das Büro physisch betreten zu müssen. Aus unserer Perspektive stellt sich jedoch die Frage, ob bei hybriden Teams nicht dennoch eine Gefahr der Exklusion von Remote-Mitarbeitenden besteht. Denn diese Gruppe ist darauf angewiesen, dass Mitarbeitende vor Ort die Technologie benutzen und sich damit einer systeminduzierten Ordnung der Zusammenarbeit angleichen, um eine Möglichkeit zur beruflichen Teilhabe für Personengruppen zu schaffen, die davor nicht erreicht werden konnten (Mörike/Deremetz 2026).
Erkenntnisse: Was zeigt HyHyve?
Das Besondere an diesem virtuellen Objekt ist die Verlagerung der Interaktion und Begegnung von Büroarbeit in einen virtuellen Raum. Hierdurch soll, im Gegensatz zur Interaktion in Videokonferenzsystemen, der Aufbau von interpersonellen Beziehungen ermöglicht werden (Rings, 2021; Schwär, 2020; Oehring et al.,2023). Aus unserer Perspektive könnte die Software unterstützend wirken, unbewusste Handlungen explizit zu machen. Damit zwischenmenschliche Begegnungen und automatisches Verhalten im virtuellen Office sichtbar werden, müssen Nutzende sich aktiv über ihre Bewegungen und Handlungen vor der Ausführung Gedanken machen.
Allerdings entfaltet diese und ähnliche Software ihr Potenzial in der Praxis nur, wenn sie aktiv in den Arbeitsalltag eingebunden wird und als alltägliches Tool von allen Mitarbeitenden benutzt wird (Oehring et al., 2023). Dementsprechend stellen sich bei HyHyve und ähnlichen Konzepten folgende Fragen: Was sind die Nutzungsvoraussetzungen? Welche Mitarbeitenden können welche Funktionen wie benutzen? Und inwiefern tun sie es in der Praxis auch tatsächlich?
In unserer Forschung im Teilprojekt D05 »Virtuelle Arbeitswelten« möchten wir unter anderem die Potenziale für Inklusion und die Risiken für Exklusion von Mitarbeitenden mit Beeinträchtigungen in den Blick nehmen. In diesem Kontext untersuchen wir beispielsweise den Einfluss der digitalen Repräsentation als Icon in HyHyve auf die Wahrnehmung von Anwesenheit und Engagement im virtuellen Raum.
Quellen
HyHyve – Online Networking. (o. D.).HyHyve - Online Networking das Spaß macht! HyHyve – Online Networking. https://www.hyhyve.com/de/
LinkedIn HyHyve. (o. D.).LinkedIn. Abgerufen am 12. Oktober 2026, von https://www.linkedin.com/company/hyhyve/about/
Mörike, Frauke; Deremetz, Anne (2026):Normalization and Participation in Hybrid Workspaces: Between ExclusiveReproduction and Inclusive Transformation. Proc. EUSSET Conf. onComputer-Supported Cooperative Work. DOI: 10.48340/ecscw2026_ws02_05 . Siegen: EUSSET. ConferencePaper. Munich, Germany. June 29 - July 3, 2026
Oehring, F., Feufel, M. A. & Mörike,F. (2023). Virtuelle Flurgespräche und Status-Updates: Zusammenarbeit inavatar-basierten Arbeitsumgebungen. Zeitschrift für Arbeitswissenschaft,77(2), 243–256. https://doi.org/10.1007/s41449-023-00356-8
Rings, H. (2021). Vorgestellt: Wonder.me als Tool für Online-Konferenzen. RingsKommunikation GmbH. https://www.rings-kommunikation.de/vorgestellt-wonder-me-als-tool-fuer-online-konferenzen/
Schwär, H. (2020). Wonder: Diese drei Gründerbauen einen deutschen Zoom-Konkurrenten. BusinessInsider. https://www.businessinsider.de/wirtschaft/startups/wonder-diese-drei-gruender-bauen-deutschen-zoom-konkurrenten/
Weiterführende Literatur
Tang, J. (2021). Understanding theTelework Experience of People with Disabilities. Proceedings Of The ACM OnHuman-Computer Interaction, 5(CSCW1), 1–27. https://doi.org/10.1145/3449104
Fauville, G., Luo, M., Queiroz, A., Bailenson, J.& Hancock, J. (2021). Zoom Exhaustion & Fatigue scale. Computers in Human Behavior Reports, 4, 100119. https://doi.org/10.1016/j.chbr.2021.100119
Saatçi, B., Akyüz, K., Rintel, S. & Klokmose,C. N. (2020). (Re)Configuring Hybrid Meetings: Moving from User-Centered Designto Meeting-Centered Design. ComputerSupported Cooperative Work (CSCW), 29(6),769–794. https://doi.org/10.1007/s10606-020-09385-x
Das Virtuelle Objekt des Monats
Seit April 2023 stellen wir jeden Monat ein »Virtuelles Objekt des Monats« (VOM) auf der Website des Sonderforschungsbereichs 1567 »Virtuelle Lebenswelten« vor. Die präsentierten Objekte entstammen der Forschung in den Teilprojekten. Im Zusammenspiel von Text und Animation, desktop- oder smartphonebasierter Augmentierung oder anderer grafischer Aufbereitungen eröffnen wir Einblicke in die verschiedenen Forschungsthemen und den Arbeitsalltag des SFB. Das VOM macht unsere Wissensproduktion transparent. Zugleich wollen wir hier mit den Möglichkeiten und Grenzen der Wissensvermittlung in und durch Virtualität und Visualität experimentieren.
Das »Virtuelle Objekt des Monats« ist mehr als ein populärwissenschaftlicher Text und mehr als ein illustrierendes Bild. Die Autor*innen des jeweiligen VOM präsentieren kurz einen Gegenstand ihrer Forschung um daran ein Argument scharfzustellen. Dabei werden die Objekte auf ihren Mehrwert hin befragt, den sie in dem jeweiligen Forschungssetting preisgeben. Mit dem Text skizzieren unsere Wissenschaftler*innen das Bemerkenswerte, das Eigentümliche oder auch das Einzigartige, welches das jeweilige Objekt zeigt. Sie machen so die Forschung des SFB in einem kurzweiligen Schlaglicht sichtbar. Die zum VOM gehörende Visualisierung ist eine weitere Transformation des Forschungsgegenstands, die das Argument noch einmal auf eine andere Art und Weise zugänglich macht.