Virtuelles Objekt des Monats

JeL

Ein Objekt, das die Synchronisation des Atmens sichtbar macht

Stefan Rieger

Juli 2026
Desnoyers-Stewart/Stepanova/Pasquier/Philippe u.a. (2019), S. 1.
Entstehungsgeschichte: Was ist JeL?

Angeregt durch das Korallenwachstum in maritimen Ökosystemen und mit Blick auf deren Bedrohung ist JeL ein Wortspiel aus Jellyfish und L-System, eine Bezeichnung für das Wachstum von Korallen. Die Abkürzung entstammt einem Text mit dem Titel JeL: Breathing Together to Connect with Others and Nature von 2019. Angesiedelt im Bereich der kritischen Designwissenschaft, ist JeL eine bio-responsive Kunstinstallation. Dabei sollen zwei in einem virtuellen Unterwasserszenario eingelassenen Nutzer*innen, so genannte »Jellyfish agents«, den Atemgleichklang nutzen, um das Wachstum einer korallenartigen Struktur zu steuern. Auf diese Weise soll eine innige Verbindung zwischen den Nutzer*innen und der Natur gefördert werden – als Auftrag einer gemeinsamen Sorge um Belange des Umweltschutzes im Allgemeinen und bedrohter Korallenriffe im Besonderen.

Desnoyers-Stewart/Stepanova/Pasquier/Philippeu.a. (2019), S. 645
Kompetenzen: Was kann JeL?

Der Beitrag ist in der Lage, ein doch ungewohntes Licht auf das Virtuelle zu werfen und dabei Aspekte einer wenig wahrgenommenen Rezeptionsgeschichte in Erinnerung zu rufen. Die in der Geschichte der Virtualitätsforschung oft erhobenen und gerne kulturkritisch vorgebrachten Vorwürfe der Isolation und Körperferne werden in JeL auf eindrucksvolle Weise widerlegt. Es zeigt, wie auf der Grundlage von Technik fundamentale Momente von Vergemeinschaftung behandelt werden und das Virtuelle zum Medium, um nicht zu sagen zur Utopie anderer Sozialisationsformen und Körpererfahrungen wird. Sie wird zum Anlass, um den Körper in einer seiner fundamentalen Prozessweisen, nämlich dem Atmen, zum Gegenstand zu machen, um in einem hochgradig immersionsaffinen Szenario Momente der Kollektivierung sichtbar werden zulassen. Damit wird eingelöst, was Jaron Lanier, einer der Pioniere Virtueller Realitäten rückblickend auf die Entstehungsgeschichte der VR beschrieben hat. Diese waren nicht als Maschinen zur Weltenflucht gedacht, sondern als Muster der realen Weltgestaltung – mit dem Ziel »unsere Weltkreativer, einfühlsamer und interessanter zu machen« (Lanier 2010, S. 50). Ein solches retrospektives Bekenntnis zur Innerweltlichkeit war, und das ruft der Text zurAnwendung JeL in seiner expliziten Bezugnahme auf Lanier in Erinnerung, in der Selbstwahrnehmung ihrer Betreiber immer schon angelegt.

Desnoyers-Stewart/Stepanova/Pasquier/Philippeu.a. (2019), S. 641
 Erkenntnisse: Was zeigt JeL?

Neben dieser Fokussierung auf Belange der Innerweltlichkeit ist das Besondere der Installation, dass sie gerade nicht nur für sich steht, sondern über alle Kasuistik hinaus dieses Potential der Vergemeinschaftung ins Zentrum stellt. Sie schafft Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit nicht nur für die Belange des Eigenen und des eigenen Körpers, sondern zeigt – gestützt auf kybernetische Konzepte und Körperfeedback – kollektive sowie umwelt- und umgebungsbezogene Aspekte auf. Das Körperlich-Unmittelbare wird dabei zum Königsweg eines virtuell vermittelten Selbstumgangs. Verschmolzen zu einer Einheit wird damit ins Bild gesetzt, was den Szenarien der Immersion hier nicht nur metaphorisch zugrunde liegt. Das Atmen wird zusammen mit anderen Körpersignalen wie Hirnströmen, Hautwiderständen und Herzschlägen zu einem bevorzugten Gegenstand der Virtualität, ihrer Beforschung sowie der Erschließung neuer Anwendungsfelder. Auf seine Weise taugt es dazu, die Artengrenzen zu überschreiten, um mit den Möglichkeiten technischer Tierwerdung und einer artenübergreifenden Weltgestaltung zu spielen.

 

Quellen

Lanier, Jaron (2010), Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht. Übers. von Michael Bischoff. Berlin: Suhrkamp.

Stepanova, Ekaterina R./Desnoyers-Stewart, John/Pasquier, Philippe et al. (2020): »JeL: Breathing Together to Connect with Others and Nature«. In: DIS ’20, July 6–10, 2020, Eindhoven, Netherlands.

Weiterführende Literatur

Bolinski, Ina/Hawranke, Thomas/Rieger, Stefan (2021): Virtuelle Tiere. Lebewesen zwischen Code und Kreatur, Bielefeld: transcript.

Ernst, Christoph (2018), »Achtsames Ambient. Über Ambient-Ästhetik, Medienökologie und Medienpraktiken der Achtsamkeitsmeditation«, in: Jens Schröter/Gregor Schwering/Dominik Maeder u.a. (Hg.), Ambient. Ästhetik des Hintergrunds, Wiesbaden: Springer, S. 219-247.

Krauth, Alinta/Nelson, Jason (2023), »A(I)nimal-centred AI Jam: Design Fictions for Positive Multispecies Futures«, ACI‚ 23: Proceedings of the Tenth International Conference on Animal-Computer Interaction, Art. 16.

Pancini, Elisa/Di Natale, Anna Flavia/Villani, Daniela (2025), »Breathing in virtual reality for promoting mental health: a scoping review«, Virtual Reality, 29, Art. 29.

Wang, Szu-Yun/Bang, Hyeonseok/Liu, Yiding u.a. (2022), »Gaia VR: A Virtual Reality-based Neuro and Biofeedback Meditation Application«, in: 2022 IEEE Global Humanitarian Technology Conference (GHTC), Santa Clara: IEEE, S. 349-352.

Das Virtuelle Objekt des Monats

Seit April 2023 stellen wir jeden Monat ein »Virtuelles Objekt des Monats« (VOM) auf der Website des Sonderforschungsbereichs 1567 »Virtuelle Lebenswelten« vor. Die präsentierten Objekte entstammen der Forschung in den Teilprojekten. Im Zusammenspiel von Text und Animation, desktop- oder smartphonebasierter Augmentierung oder anderer grafischer Aufbereitungen eröffnen wir Einblicke in die verschiedenen Forschungsthemen und den Arbeitsalltag des SFB. Das VOM macht unsere Wissensproduktion transparent. Zugleich wollen wir hier mit den Möglichkeiten und Grenzen der Wissensvermittlung in und durch Virtualität und Visualität experimentieren.

Das »Virtuelle Objekt des Monats« ist mehr als ein populärwissenschaftlicher Text und mehr als ein illustrierendes Bild. Die Autor*innen des jeweiligen VOM präsentieren kurz einen Gegenstand ihrer Forschung um daran ein Argument scharfzustellen. Dabei werden die Objekte auf ihren Mehrwert hin befragt, den sie in dem jeweiligen Forschungssetting preisgeben. Mit dem Text skizzieren unsere Wissenschaftler*innen das Bemerkenswerte, das Eigentümliche oder auch das Einzigartige, welches das jeweilige Objekt zeigt. Sie machen so die Forschung des SFB in einem kurzweiligen Schlaglicht sichtbar. Die zum VOM gehörende Visualisierung ist eine weitere Transformation des Forschungsgegenstands, die das Argument noch einmal auf eine andere Art und Weise zugänglich macht.