Virtuelles Objekt des Monats

Schlachtenpanorama »Die Schlacht bei Wörth«

Objekte zwischen Rekonstruktion und Verlust

Christian Bunnenberg

August 2026
© Christian Bunnenberg

Entstehungsgeschichte: Was ist das Schlachtenpanorama »Die Schlacht bei Wörth«?

Am 6. August 1882, dem 12. Jahrestag der Schlacht von Wörth im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, wurde im Panoramagebäude vor dem Dammtor in Hamburg das von Otto von Faber du Faur gestaltete Rundgemälde Die Schlacht bei Wörth erstmalig gezeigt. Das Bild reihte sich ein in eine ganze Anzahl großformatiger Gemälde zu Episoden aus dem letzten der sogenannten drei »Einigungskriege«, die in der Deutung vieler Zeitgenoss*innen mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches und der Ausrufung des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles 1871 ihren »krönenden Abschluss« gefunden hatte. Die 14 Meter hohen und 116 Meter langen Leinwände wurden in Rotunden, eigens allein zu diesem Zwecke errichteten Gebäuden, an den kreisrunden Innenwänden aufgezogen und boten den auf einer Plattform in der Mitte stehenden Besucher*innen mit einem 360°-Rundumblick das Gefühl der Anwesenheit in der dargestellten Situation. Ein gegenständlich gestalteter und in das Gemälde fließend übergehender Raum, das terrain faux, sollte die Illusion der Anwesenheit noch zusätzlich verstärken – was auch gelang: So schrieben die Hamburger Nachrichten am Eröffnungstag, dass das Rundgemälde »wie in allen Details, unter größter Wahrung historischer Treue, mit ungemein packender Lebendigkeit« die Schlacht darstelle. Letztlich blieben die Panoramen aber nur eine Simulation vergangener Gegenwart, eine Authentizitätsfiktion, die über das Medium Bild eine virtuelle Anwesenheit in der vergegenwärtigten Vergangenheit erzeugte. Und trotzdem traf diese mediale Aufbereitung der Vergangenheit den Zeitgeist und machte die Panoramen zu einem massenmedialen Spektakel – bis zu 2.000 Besucher*innen drängten sich täglich in die Rotunde mit Der Schlacht von Wörth; zeitweise mussten ob des Ansturms sogar die Kassen geschlossen werden.

Der Versuch, die Faszination der Zeitgenoss*innen für Panoramagemälde oder auch nur die Wirkung eines solchen Rundgemäldes rekonstruieren oder sogar nachvollziehen zu können, stellt für die Geschichtswissenschaft eine immense Herausforderung dar: Zunächst einmal waren die Panoramen nicht für die Ewigkeit gemalt, sondern auf maximalen Profit ausgelegt. Die genormten Leinwände konnten bei nachlassendem Interesse an einen neuen Aufführungsort transportiert und dort gezeigt werden. Auch das Panorama Die Schlacht von Wörth von 1882 ging ab 1886 auf Reisen: Zunächst nach Köln (1886-1888), dann nach München (1888-1890), Hamburg (1891-1898) und Dresden (1899-1901). Nach einer zwischenzeitlichen Einlagerung in München wurde es schließlich bei einem Transport in Dortmund so schwer beschädigt, dass es dort im März 1905 verbrannt wurde. Andere Panoramagemälde wurden am Ende ihrer Lebenszeit zerschnitten und in Einzelbildern verkauft. Wie auch immer: Es sind zumeist nur einzelne Überreste, wenige Beschreibungen, punktuell Zeichnungen oder gelegentlich auch Fotografien erhalten, so dass in der Gegenwart allein schon das Bildprogramm der Panoramen rekonstruiert werden muss.

Kompetenzen: Was kann das Schlachtenpanorama »Die Schlacht bei Wörth«?

Aus dem Produktionsprozess des Panoramas Die Schlacht von Wörth sind im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt vier großformatige Skizzen im Maßstab 1:10 erhalten geblieben, die im Jahr 1881 entstanden und während der aufwendigen Fertigungsphase des Panoramas genutzt wurden. Von ihrem ursprünglichen Verwendungszweck entbunden wurden die Skizzen ab 1896 vor allem als eigenständige Kunstwerke und Ware behandelt, in Ausstellungen und Galerien gezeigt und schlussendlich ins Museum gegeben. Nach der Zerstörung des eigentlichen Panoramas wurde den Skizzen eine Stellvertreterfunktion zugewiesen – obwohl sich die Nähe zwischen dem jeweils Dargestellten nur bedingt nachweisen lässt und auch das terrain faux nur fragmentarisch beschrieben ist.

© Christian Bunnenberg

In einem Lehrprojekt des Masterstudiengangs Public History an der Ruhr-Universität Bochum erfolgte eine quellenkritische Annäherung an die Skizzen und die Frage, inwiefern diese zu einer musealen Inszenierung der Geschichte des Panoramas Die Schlacht von Wörth beitragen können. Eine Diskussion entbrannte um eine mögliche Präsentation in der Ausstellung: Die Skizzen sind im Museum auf Keilrahmen aufgezogen, aber die Leinwandränder zeigen auch Hinweise darauf, dass sie (ursprünglich oder zwischenzeitlich?) auch kreisförmig ausgestellt worden sind. Vor diesem Hintergrund, entsprechenden konservatorischen Bedenken und einer Sichtung historischer Quellen entstand das Vorhaben, die Skizzen digital zu einem virtuellen 360°-Rundgemälde zusammenzufügen und so den Raumeindruck des ursprünglichen Panoramagemäldes zu simulieren. Gleichzeitig sollten durch die Markierung von Fehlstellen und begleitende Audios und Texte die Objektbiographien von Panoramagemälde und Skizzen und damit verbundenen Herausforderungen transparent dargestellt werden.

     

Erkenntnisse: Was zeigt das Schlachtenpanorama »Die Schlacht bei Wörth«?

Auf Basis umfassender Quellenrecherche (u.a. in digitalen Zeitungsportalen) konnten erstmals die Objektbiographien des Panoramagemäldes und der Skizzen detailreich rekonstruiert und bisher nur fragmentarisches vorliegendes Wissen ergänzt werden. Auf dieser Grundlage entstand auf der webbasierten Open-Source-Plattform Mozilla Hubs eine virtuelle Rotunde, in der die Skizzen auch im digitalen Raum erneut ihre Stellvertreterrolle übernahmen – dieses Mal allerdings kombiniert mit den ergänzenden und einordnenden Informationen zum historischen und geschichtskulturellen Kontext. Die Nutzer*innen konnten sich als Avatare in der virtuellen Rotunde frei bewegen und mit der Geschichte des Panoramas und der Skizzen eigenständig auseinandersetzen – bis zur Einstellung des Dienstes von Mozilla im Mai 2024, was zu einem erneuten Verlust von Rotunde und Rundgemälde führte und neben die Vergänglichkeit des Panoramas im frühen 20. Jahrhundert die Vergänglichkeit im virtuellen Raum des 21. Jahrhunderts stellte. Die Enttäuschung über den Verlust der virtuellen Rekonstruktion wich schnell einem neuen Zugang, der den Fokus auf generelleFragen der Rekonstruktion, Darstellung und Erhalt vergangener Lebenswelten im Virtuellen legte.

 

Quellen

Panorama, Die Schlacht bei Wörth, Otto von Faber du Faur, 1881, Skizzen, Bayerisches Armeemuseum Ingolstadt, C3090 A-D

Halder, J.: Die Schlacht bei Wörth im Elsass am 6. August 1870 gemalt von O. von Faber du Faur. München 1888.

Hamburger Nachrichten, 6. August 1882.

 

Weiterführende Literatur

Arand, Tobias/Bunnenberg, Christian: »Schlacht bei Wörth«oder »Bataille de Reichshoffen«? Die Erinnerung an den 6. August 1870 zwischen lokaler Denkmallandschaft und nationalen Deutungen, in: Füssel, Marian; Sikora, Michael (Hgg.): Kulturgeschichte der Schlacht, Paderborn 2014 (Krieg in der Geschichte, 78), S. 183-2014.

Geimer, Peter: Die Farben der Vergangenheit. Wie Geschichtezu Bildern wird. München 2022.

Oettermann, Stephan: Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums. Frankfurt am Main 1980.

Seizinger, Gertrud: Otto von Faber du Faur. Studien zu den Arbeiten in Öl. Stuttgart 2010.

Das Virtuelle Objekt des Monats

Seit April 2023 stellen wir jeden Monat ein »Virtuelles Objekt des Monats« (VOM) auf der Website des Sonderforschungsbereichs 1567 »Virtuelle Lebenswelten« vor. Die präsentierten Objekte entstammen der Forschung in den Teilprojekten. Im Zusammenspiel von Text und Animation, desktop- oder smartphonebasierter Augmentierung oder anderer grafischer Aufbereitungen eröffnen wir Einblicke in die verschiedenen Forschungsthemen und den Arbeitsalltag des SFB. Das VOM macht unsere Wissensproduktion transparent. Zugleich wollen wir hier mit den Möglichkeiten und Grenzen der Wissensvermittlung in und durch Virtualität und Visualität experimentieren.

Das »Virtuelle Objekt des Monats« ist mehr als ein populärwissenschaftlicher Text und mehr als ein illustrierendes Bild. Die Autor*innen des jeweiligen VOM präsentieren kurz einen Gegenstand ihrer Forschung um daran ein Argument scharfzustellen. Dabei werden die Objekte auf ihren Mehrwert hin befragt, den sie in dem jeweiligen Forschungssetting preisgeben. Mit dem Text skizzieren unsere Wissenschaftler*innen das Bemerkenswerte, das Eigentümliche oder auch das Einzigartige, welches das jeweilige Objekt zeigt. Sie machen so die Forschung des SFB in einem kurzweiligen Schlaglicht sichtbar. Die zum VOM gehörende Visualisierung ist eine weitere Transformation des Forschungsgegenstands, die das Argument noch einmal auf eine andere Art und Weise zugänglich macht.