DiVe – Didaktik und Virtualität erfahren | 06/2026
Ariyan Arslan
Die Wahl der geeigneten Medien zur Vermittlung von Inhalten in der Hochschullehre ist keine triviale, da unterschiedliche Anforderungen und Ansprüche verschiedener Zielgruppen und Lehrender aufeinandertreffen. Ein vielversprechendes Medium sind Podcasts, da sie zwei Anforderungen verbinden, die in der Lehre oft schwer zusammenzubringen sind – Flexibilität und fachliche Vertiefung. Studierende können Episoden unterwegs, zu Hause oder in Pausen hören sowie stoppen, zurückspringen und Inhalte im eigenen Tempo wiederholen. Gerade diese orts- und zeitunabhängige Nutzung macht Podcasts zu einem Medium, das selbstgesteuertes Lernen unterstützt (Bade & Beier, 2025).
Podcasts sind jedoch nicht automatisch didaktisch wirksam. Ihr Wert entsteht erst durch die Einbindung in ein Lehrkonzept. Bade und Beier betonen zwar, dass Podcasts Informationen schnell zugänglich, verständlich und »on demand« verfügbar machen können. Zugleich verweisen sie auf eine widersprüchliche Forschungslage zur Lernwirksamkeit (ebd.). Ein Podcast ersetzt nicht einfach ein Seminar, eine Vorlesung oder ein Lehrbuch. Er ergänzt, vertieft oder aktiviert Lernprozesse nur dann, wenn klar ist, welche Funktion er im Kurs übernimmt.
Drei Einsatzformen sind besonders relevant. Erstens können Podcasts vorbereitend genutzt werden, etwa im Inverted Classroom. Dementsprechend hören Studierende vor der Präsenzsitzung eine Episode und nutzen die gemeinsame Zeit anschließend für Diskussion, Anwendung oder Problemlösung. Zweitens können Podcasts Zusatzmaterial bereitstellen, etwa Interviews mit Expertinnen und Experten, Fallbesprechungen oder Debatten. Drittens können Studierende selbst Podcasts produzieren. Dann werden sie nicht nur Rezipierende, sondern müssen Inhalte auswählen, strukturieren, verständlich formulieren und medial gestalten. Diese produktive Form stärkt richtig eingesetzt fachliche, kommunikative und mediale Kompetenzen. Zusätzlich vermitteln Podcasts nicht nur, sondern machen Dinge wie (wissenschaftliches) Denken hörbar. Herzberg versteht Podcasting als eigenständige didaktische Praxis, die Hochschuldidaktik, Wissenschaftsdidaktik und »sprechendes Denken« verbindet (2025). Somit werden Suchbewegungen, Unsicherheiten und Argumentationsprozesse neben den Forschungsergebnissen transparent. Für Studierende kann das produktiv sein, weil Wissenschaft dadurch weniger als abgeschlossenes System erscheint, sondern stärker als Praxis des Fragens, Prüfens und Begründens.
Für die Einbindung in die Lehrpraxis ist neben dem inhaltlichen Gehalt auch die Länge und Darstellung zu prüfen. Die Podcasts benötigen erkennbare Lernziele, eine verständliche Dramaturgie und Anschlussaufgaben.
Ein Beispiel für die Verwendung von Podcasts in der Hochschullehre ist das Projekt »PodQuaS – Der Podcast zur Qualitativen Sozialforschung« (Dr.Olga Neuberger, Ariyan Arslan, Anna-Lena Krüßmann), in dem Masterstudierende kurze Podcastepisoden zu Grundfragen der Qualitativen Sozialforschung produzierten.
Die Übung folgte dem Ansatz des Inverted Classroom, d.h. die Studierenden eigneten sich eigenständig Grundlagen der Qualitativen Sozialforschung von zu Hause aus an. In den synchronen Sitzungseinheiten, die in Präsenz- oder als Online-Lehrveranstaltung stattfinden konnten ging es dann schwerpunktmäßig um die Vertiefung des Gelernten in Form von konkreten praktischen Übungen. In PodQuaS wurden Podcasts zu unterschiedlichen didaktischen Zwecken eingesetzt:
1. dienten bereits existierende Podcasts zur Qualitativen Sozialforschung der Erarbeitung von Grundlagen in den asynchronen Phasen der Übung. Das eigenständige Arbeiten wurde dabei durch Leit- und Reflexionsfragen angeleitet.
2. diente die Entwicklung einer eigenen Podcastfolge der Vertiefung des Grundlagenwissens. Peer- und Dozierendenfeedback begleiteten diesen Prozess einschließlich der Skriptentwicklung.
Die technische Unterstützung der Studierenden erfolgte in Kooperation mit dem Studio 958 und IT-Services. Verbindendes Glied zwischen den bereits existierenden und selbst entwickelten Podcasts war dabei der Einsatz bestehender eLearning Tools. Sie dienten der Dokumentation des individuellen Lernfortschritts der Studierenden und bildeten die Grundlage für vertiefende Diskussionen und Reflexionen über die aufbereiteten Inhalte in den selbst entwickelten Podcastfolgen.
Das Ziel war es, die Förderung von Medien-, Präsentations- und Forschungskompetenz zu verbinden, Fragen der Wissenschaftskommunikation zu eröffnen und aufgrund des Seminarkonzepts als Inverted Classroom einen flexiblen Wechsel zwischen Online- und Präsenzlehre zu ermöglichen. Die Podcastepisoden der Masterstudierenden, die sich u.a. mit den Themen Wissenssoziologie, Grounded Theory, Feldzugang und Interviews befassen, finden Sie hier.
Podcasts sind kein didaktisches Wundermittel, aber ein Medium, dessen Einsatz eine Reflexion für eine zeitgemäße Hochschullehre verdient. Statt Lehrformate zu ersetzen, liegt ihr Potenzial darin Lehre anders hörbar zu machen.
Literatur:
Bade, C.; Beier, A. (2025). Zwischen Hörgenuss undLernerfolg: Podcasts als zeitgemäßes Bildungsmedium. In: A. Hebbel-Seeger(Hrsg.), Hochschullehre lernen, verstehen und gestalten. Konzepte, Ideen,Erfahrungen (S. 3–21). Springer VS.
Herzberg, D. (2025). Der Podcast in der Hochschullehrezwischen Hochschuldidaktik und Wissenschaftsdidaktik. In: A. Hebbel-Seeger(Hrsg.), Hochschullehre lernen, verstehen und gestalten. Konzepte, Ideen,Erfahrungen (S. 207–220). Springer VS.
Zu DiVe
DiVe ist der Blog des Didaktikstudios. Wir berichten über Lehrerfahrungen des SFB mit Blick auf die Nutzung von Virtualität. Der Blog erscheint alle zwei Monate und widmet sich sowohl innovativen Lehr- und Lernmethoden als auch konkreten Praktiken im Kontext virtueller Hochschuldidaktik. Es werden didaktische Vorgehensweisen mit virtuellen Tools vorgestellt und Veranstaltungsberichte veröffentlicht.