Ein Transfer-Objekt zwischen Twitter und Buch
Vanessa Grömmke

Entstehungsgeschichte: Was ist die Virtuelle Kurzform: @blutundkaffee?
Die Schriftstellerin Ianina Ilitcheva gilt als eine der bekanntesten deutschsprachigen Mikrobloggerinnen, die ihren Twitter-Account unter dem Namen @blutundkaffee am 8. Dezember 2012 beginnt und ihren letzten Tweet einen Monat vor ihrem Tod am 20. Dezember 2016 absetzt. In dieser Zeit produziert sie eine bemerkenswerte Menge von über 35.000 Tweets. Anders als für den Newskanal üblich, der globale gesellschaftlich sowie politisch relevante Ereignisse sichtbar macht, nutzt Ilitcheva Twitter als Aufzeichnungs- und Distributionsmedium, um ihre Tätigkeit als Autorin, weibliche Sexualität, Körperlichkeit und die Erkrankung an Epidermolysis bullosa, einem seltenen Hautleiden, zu thematisieren.
Ihre Plattform-Aktivität lässt sich in einem zeitlichen Abschnitt der Twitter-Historie verorten, in dem literarische Explorationen der sogenannten Twitteratur sich auf die Limitation von 140 Zeichen pro Tweet und ihren Aufruf zur Verdichtung beziehen. Die posthum von Rick Reuther und Christiane Frohmann herausgegebene Sammlung unter dem Titel @blutundkaffee. 2012–2016 (2017) zeigt die Tweets ohne Datum und – statt in ihrer chronologischen Abfolge – als kuratierte Auswahl. Dabei werden Tweets miteinander arrangiert und Zusammenhänge erzeugt, die auf dem Twitter-Account nicht eindeutig sichtbar sind. Dieser interpretatorische Eingriff entledigt sich nicht nur der medialen Praktiken der Favs, Comments und Retweets, sondern verleiht dem Account, nach dem sich der Titel der Buchpublikation richtet, auf der papiernen Seite einen neuen Auftritt und Erscheinungsraum (Abb. 1).
Kompetenzen: Was kann die Virtuelle Kurzform: @blutundkaffee?
Dass die von Rick Reuther und Christiane Frohmann kuratierten Tweets der verstorbenen Autorin aus ihrem zeitlichen Kontext extrahiert werden, ist interessant, weil die Berücksichtigung von Zeitlichkeit, die die Aktualität der Kommunikation unterstreicht, für Twitter als Plattform essentiell erscheint. Gekappt von ihrem Aktualitätsbezug, werden die getwitterten Gedanken, Erlebnisse und Gefühle mit einem Anspruch auf Zeitlosigkeit versehen, der u.a. den literarischen und verfremdenden Gestus der Tweets betont. Reuther konterkariert die Knappheit der Form, indem er Tweets aneinander fügt und dadurch erweitert. Die neukonstituierten Texte werden über eine Bezifferung markiert, die anstelle einer Seiten-Paginierung Orientierung ermöglichen soll. Die Herausgeber*innen generieren so Zusammenhänge, die sich auf Twitter lediglich über ein konsequentes (Ver-)Folgen des Accounts rekonstruieren lassen (vgl. Schneider 2024, 159).
Diese mediale Übersetzung oder auch Umstülpung des Digitalen ins Analoge (Gaderer/Grömmke 2024) ermöglicht eine Konservierung respektive archivarische Speicherung der Tweets, da sie sich der Löschung durch Social-Media-Betreiber*innen und der plattformkapitalistischen Ordnung entziehen. Insbesondere vor dem Hintergrund des Rebrandings von Twitter zu X, das zu grundlegenden Umstrukturierungen der Plattform und zu einem Verlust zahlreicher (schriftstellerischer) Accounts führt, ist die Notwendigkeit zur Speicherung in philologischen Strukturen hervorzuheben, um Verwebungen sozialmedialer und literarischer Kommunikation zu erhalten (vgl. Setz 2024). So widmet sich etwa das Klagenfurter Projekt Twitter-Archiv von Ianina Ilitcheva der Sicherung ihrer Tweets und präsentiert sie unter ii.at – neben anderen Texten der Autorin – in chronologisch umgekehrter Reihenfolge (Hainscho 2024). Über die Twitter-Archiv-Funktion, mit der eigene Daten auf der Plattform heruntergeladen werden können – und die Rick Reuther für Ilitchevas Account verwaltet –, lassen sich zeitliche Zusammenhänge, die die Buchpublikation @blutundkaffee durchbricht, nachvollziehen (Abb. 2).



Erkenntnisse: Was zeigt die Virtuelle Kurzform: @blutundkaffee?
Der Transfer aus dem sozialmedialen Raum in die gedruckte Schrift lässt ein besonderes mediales Verhältnis sichtbar werden, das die Materialität von Medien und ihre Verbundenheit zum Körperlichen fokussiert. Diese Virtualität des medialen Verhältnisses wird im Fall von @blutundkaffeein einer Verzahnung von Medialität, Form und Inhalt akzentuiert. So betont die Buchpublikation, dass Ilitcheva die knappe Form der Tweets als Möglichkeitsraum nutzt, um körperliche Einschränkungen zu überwinden und Digitalität als Grundlage der Imagination zu verwerten. Dabei wird der Körper des Autorin-Subjekts mit digitaler Konnektivität verbunden, um auf Twitter Handlungen zu inszenieren, die Ilitcheva im ›realen‹ Raum nicht verwirklichen kann: »In meiner Timeline tut sich NICHTS. *gucktlinks* *guckt rechts* *ZIEHT SICH NACKIG AUS UND LÄUFT JOHLEND DURCH DIE TIMELINE*« (Ilitcheva 2017, 13). Die Autorin besinnt sich immer wieder auf ihren leiblichen Körper; nicht zuletzt weil die virtuelle Körperlichkeit auf Twitter eine Interaktion des User*in-Subjekts mit der Hardware und Software des digitalen Endgeräts bedingt.
Das virtuelle Ich, das die Autorin kreiert, um das Überleben trotz Erkrankung im medialen Raum zu ermöglichen, wird erst durch die Übertragung in die Buchpublikation abgesichert, weil das dynamische Archivsystem des Internets mit strukturbedingter Unüberschaubarkeit sowie Problemen des Zugriffs in medientechnischer und medienpolitischer Hinsicht aufwartet (vgl. Wirth 2005, 25). Zu fragen bleibt jedoch nach den Archivierungspolitiken, die darüber entscheiden, welche Daten bzw. welche Posts des digitalen Datenraums in die Buchform überführt, nach welchen Kriterien sie selektiert und angeordnet werden. Um die Übertragung und die Übersetzungsstrategien von Social-Media-Posts nachvollziehen zu können, ist daher eine vergleichende Betrachtung von Online- und Offline-Variante notwendig, die eine dichotome Trennung von Analog und Digital auflöst.
Die Autorindes Beitrags dankt Rick Reuther für den Zugriff auf Ianina Ilitchevas Twitter-Archiv.
Quellen
Gaderer, Rupert; Grömmke, Vanessa (Hg.) (2024): Hass teilen. Tribunale und Affekte virtueller Streitwelten, Bielefeld: Transcript (VirtuelleLebenswelten 3).
Hainscho, Thomas: Twitter-Archiv von Ianina Ilitcheva (2024). Online unter: https://www.ii.at (letzter Zugriff: 04.08.2025).
Ilitcheva, Ianina (2017): @blutundkaffee. 2012–2016. Hg. von Rick Reuther und Christiane Frohmann, Berlin: Frohmann (Kleine Formen).
Schneider, Lea (2024): Radikale Verletzbarkeit. Schreibweisen bewusster Selbstentblößung zwischen Sozialen Medien und Literaturbetrieb, Bielefeld: Transcript (Literatur in der digitalenGesellschaft 9).
Setz, Clemens J. (2024): Das All im eigenen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie, Berlin: Suhrkamp.
Wirth, Uwe (2005): Archiv, in: Alexander Roesler, Bernd Stiegler (Hg.): Grundbegriffe der Medientheorie, Paderborn: Wilhelm Fink, S.17–27.
Weiterführende Literatur
Goppelsröder, Fabian (2023): Kalendergeschichte, Fait Divers, Twitter. Zur Medienästhetik kleiner Formen, Göttingen: Wallstein.
Kreuzmair, Elias; Pflock, Magdalena und Schumacher, Eckhard (Hg.) (2022): Feeds, Tweets & Timelines. Schreibweisen der Gegenwart in Sozialen Medien, Bielefeld: Transcript (Literatur in der digitalen Gesellschaft 3).
Das Virtuelle Objekt des Monats
Seit April 2023 stellen wir jeden Monat ein »Virtuelles Objekt des Monats« (VOM) auf der Website des Sonderforschungsbereichs 1567 »Virtuelle Lebenswelten« vor. Die präsentierten Objekte entstammen der Forschung in den Teilprojekten. Im Zusammenspiel von Text und Animation, desktop- oder smartphonebasierter Augmentierung oder anderer grafischer Aufbereitungen eröffnen wir Einblicke in die verschiedenen Forschungsthemen und den Arbeitsalltag des SFB. Das VOM macht unsere Wissensproduktion transparent. Zugleich wollen wir hier mit den Möglichkeiten und Grenzen der Wissensvermittlung in und durch Virtualität und Visualität experimentieren.
Das »Virtuelle Objekt des Monats« ist mehr als ein populärwissenschaftlicher Text und mehr als ein illustrierendes Bild. Die Autor*innen des jeweiligen VOM präsentieren kurz einen Gegenstand ihrer Forschung um daran ein Argument scharfzustellen. Dabei werden die Objekte auf ihren Mehrwert hin befragt, den sie in dem jeweiligen Forschungssetting preisgeben. Mit dem Text skizzieren unsere Wissenschaftler*innen das Bemerkenswerte, das Eigentümliche oder auch das Einzigartige, welches das jeweilige Objekt zeigt. Sie machen so die Forschung des SFB in einem kurzweiligen Schlaglicht sichtbar. Die zum VOM gehörende Visualisierung ist eine weitere Transformation des Forschungsgegenstands, die das Argument noch einmal auf eine andere Art und Weise zugänglich macht.