Virtuelles Objekt des Monats

Netzwerkvisualisierung Walther Victor

Eine latente Struktur wird sichtbar

Marco Lorenz

Februar 2026
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Netzwerkvisualisierung Walther Victor

Entstehungsgeschichte – Was ist die Netzwerkvisualisierung?

Die Netzwerkvisualisierung basiert auf über 4.500 Korrespondenzeinträgen aus dem Nachlass des Schriftstellers Walther Victor (1895–1971), der in der Akademie der Künste Berlin archiviert ist. Victor engagierte sich über viele Jahre in der »Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren« (AJA), einem Netzwerk regionaler Zirkel zur Förderung des literarischen Nachwuchses in der DDR. Die Korrespondenz aus dem Zeitraum 1954–1971 umfasst Briefe an und von jungen Autor*innen, Gutachten zu eingereichten Manuskripten, Protokolle von Tagungen und Lehrgängen sowie institutionelle Schreiben an Verlage, Verbände und kulturpolitische Stellen.

Erfasst wurden Absender, Adressaten, Datierungen und Archivsignaturen. Die Daten wurden bereinigt, vereinheitlicht und anschließend in eine Netzwerkstruktur überführt. Personen und Institutionen erscheinen darin als Knoten, Korrespondenzbeziehungen als verbindende Kanten. Die Gewichtung der Kanten richtet sich nach der Häufigkeit der Kontakte zwischen zwei Akteuren. Die Visualisierung wurde mit Gephi Lite erstellt, einer browserbasierten Software zur Netzwerkanalyse. In diesem räumlichen Arrangement wird Kommunikationsdichte in visuelle Nähe übersetzt: Wer häufig miteinander korrespondierte, rückt im Bild zusammen.

Kompetenzen – Was kann die Netzwerkvisualisierung?

Die in der Visualisierung dargestellten Beziehungen wurden tatsächlich gelebt. Die Beteiligten schrieben einander, begegneten sich auf Tagungen, förderten sich gegenseitig oder konkurrierten um Aufmerksamkeit und institutionelle Unterstützung. Als Gesamtzusammenhang war dieses Netzwerk jedoch nie erfahrbar. Victor kannte jeden einzelnen Brief, nicht aber das Muster, das sie gemeinsam bilden. Die Mitglieder der AJA überblickten jeweils nur ihre regionalen Zirkel, und auch heutige Archivnutzer erschließen das Material weiterhin Mappe für Mappe.

Die Visualisierung erzeugt daher eine Perspektive, die historisch nicht verfügbar war: die Gleichzeitigkeit aller Beziehungen. Das Netzwerk ist virtuell – nicht im Sinne eines Unwirklichen, sondern als Struktur, die in den Quellen angelegt war, in den Praktiken wirkte, jedoch nicht als Ganzes sichtbar wurde. Die Visualisierung aktualisiert diese latente Struktur. Sie bildet keinen vergangenen Zustand ab, sondern macht sichtbar, was so nie zu sehen war.

Der eingesetzte Algorithmus (ForceAtlas2) ordnet die Knoten nach ihrer Verbindungsdichte an. Häufig korrespondierende Akteure werden räumlich einander angenähert, schwach angebundene Akteure driften an den Rand (Jacomy/Venturini/Heymann/Bastian 2014). Die entstehende Konfiguration folgt keiner inhaltlichen Vorannahme, sondern der Logik der relationalen Daten selbst. In der animierten Berechnung lässt sich beobachten, wie sich aus einer zufälligen Ausgangsverteilung schrittweise eine erkennbare Struktur herausbildet.

Erkenntnisse – Was zeigt die Netzwerkvisualisierung?

Erst wenn die Gesamtstruktur sichtbar gemacht wird, lassen sich Fragen wie diese stellen: Wer schrieb mit wem? Wer stand in direktem Kontakt mit Victor, und wen vermittelte er an Verlage oder Institutionen? Wie weit reichen die Verbindungen in kulturpolitische Strukturen, zum Schriftstellerverband, zum Literaturinstitut Leipzig oder zu den regionalen Bezirksgruppen? Die Visualisierung macht erkennbar, welche Autor*innen ausschließlich über institutionelle Vermittlung auftreten, wer zentral positioniert ist und wo sich Cluster bilden.

Gleichzeitig markiert die Darstellung die Grenzen ihrer Aussagekraft. Sie zeigt Muster – Cluster, Zentralitäten, Lücken –, erklärt diese jedoch nicht. Eine periphere Position kann auf einen späten Einstieg, einen frühen Ausstieg oder auf andere Kommunikationswege verweisen. Erst durch historische Kontextualisierung und Interpretation erschließt sich, welche Bedeutung die jeweilige Position im Netzwerk für die literarischen Karrieren der Beteiligten hatte.
Zudem ist die Aktualisierung des Netzwerks prinzipiell unabgeschlossen. Andere Parameter erzeugen andere Ansichten, andere Fragestellungen und andere Relevanzen. Das Virtuelle liegt nicht in einer einzelnen Darstellung. Vielmehr ist es ein Möglichkeitsraum, aus dem jede Visualisierung nur eine konkrete Version realisiert.

Quellen

Walther Victor Archiv, Akademie der Künste Berlin, Signaturen WV 79–83 (Korrespondenz AJA/Nachwuchsförderung, 1954–1971.

Gephi Lite. https://gephi.org/lite/  

Jacomy, Mathieu/Venturini, Tommaso/Heymann, Sebastien/Bastian, Mathieu (2014): ForceAtlas2, a Continuous Graph Layout Algorithm for Handy Network Visualization Designed for the Gephi Software. In: PLOS ONE 9 (6):e98679. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0098679

Weiterführende Literatur

Deleuze, Gilles (1992): Differenz und Wiederholung. Übersetzt von Joseph Vogl. München: Fink.

Drucker, Johanna (2014): Graphesis. Visual Forms of Knowledge Production. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Lorenz, Marco (2026): Kanonisierungspraktiken. In: Breil, Patrizia/Sprenger, Florian (Hg.): Virtuelle Universität – Geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Zugänge. Bielefeld: transcript, S. 299–304. https://doi.org/10.14361/9783839400340

Das Virtuelle Objekt des Monats

Seit April 2023 stellen wir jeden Monat ein »Virtuelles Objekt des Monats« (VOM) auf der Website des Sonderforschungsbereichs 1567 »Virtuelle Lebenswelten« vor. Die präsentierten Objekte entstammen der Forschung in den Teilprojekten. Im Zusammenspiel von Text und Animation, desktop- oder smartphonebasierter Augmentierung oder anderer grafischer Aufbereitungen eröffnen wir Einblicke in die verschiedenen Forschungsthemen und den Arbeitsalltag des SFB. Das VOM macht unsere Wissensproduktion transparent. Zugleich wollen wir hier mit den Möglichkeiten und Grenzen der Wissensvermittlung in und durch Virtualität und Visualität experimentieren.

Das »Virtuelle Objekt des Monats« ist mehr als ein populärwissenschaftlicher Text und mehr als ein illustrierendes Bild. Die Autor*innen des jeweiligen VOM präsentieren kurz einen Gegenstand ihrer Forschung um daran ein Argument scharfzustellen. Dabei werden die Objekte auf ihren Mehrwert hin befragt, den sie in dem jeweiligen Forschungssetting preisgeben. Mit dem Text skizzieren unsere Wissenschaftler*innen das Bemerkenswerte, das Eigentümliche oder auch das Einzigartige, welches das jeweilige Objekt zeigt. Sie machen so die Forschung des SFB in einem kurzweiligen Schlaglicht sichtbar. Die zum VOM gehörende Visualisierung ist eine weitere Transformation des Forschungsgegenstands, die das Argument noch einmal auf eine andere Art und Weise zugänglich macht.