Objekte, die synthetische Geschichtsdarstellungen vermitteln
Roman Smirnov

Entstehungsgeschichte: Was sind geschichtsbezogene KI-generierte POV-Videos?
Geschichtsbezogene KI-generierte POV-Videos (POV = Point of View) sind kurze, meist hochrealistische Videoformate, die Zuschauer*innen scheinbar direkt in vergangene Situationen versetzen. Sie inszenieren historische Momente aus der Egoperspektive eines historischen Akteurs – etwa eines römischen Gladiators, einer Wikingerin oder eines Soldaten des Ersten Weltkriegs – und suggerieren so eine unmittelbare Geschichtserfahrung. Dabei handelt es sich in der Regel nicht um die Darstellung konkreter Individuen, sondern um funktional definierte Figuren, die in einem bestimmten historischen Setting verortet werden. Als virtuelle Objekte erzeugen diese Videos synthetische Erfahrungsräume, in denen Vergangenheit nicht als rekonstruiertes Wissen, sondern als erlebte Gegenwart erscheint. Die Virtualität besteht dabei weniger in der offensichtlichen Künstlichkeit der Bilder als in der Konstruktion einer historischen Möglichkeitswelt.
Die Entstehung dieses Formats ist eng mit technologischen Innovationssprüngen verbunden. Auf eine erste Phase der KI-gestützten Bearbeitung historischer Fotografien und Filme – etwa durch Adobes Colorize Filter (2020) oder MyHeritage Deep Nostalgia (2021) – folgte ab 2022 die Generierung pseudo-historischer Bilder mit Text-zu-Bild-Systemen wie Midjourney. Seit der zweiten Hälfte 2024 ermöglichen KI-Videogeneratoren wie Runway Gen-3 Alpha, Kling AI oder Googles Veo 3 erstmals die massenhafte Produktion bewegter, filmischer Geschichtsdarstellungen inklusive POV-Videos.
Während Fachleute aus der Public History und den Medienwissenschaften öffentlich Skepsis gegenüber solchen Formaten äußern (z.B. Dillenburg 2025; Schöler 2025), werben Plattformanbieter explizit mit der Möglichkeit, »hochwertige historische Erzählvideos mühelos zu produzieren« (HeyGen o.J.).
Kompetenzen: Was können KI-generierte POV-Videos?
Mit geringem technischem Vorwissen lassen sich heute geschichtsbezogene KI-Videos von mehreren Sekunden Länge produzieren – in einem Format, das optimal auf visuell geprägte Plattformen wie Instagram und TikTok zugeschnitten ist. Zentrale Voraussetzung ist vor allem die Fähigkeit des Promptings, also der textlichen Steuerung generativer Modelle, häufig ergänzt durch kostenpflichtige Abonnements der jeweiligen Tools.
Ein dominantes narratives Muster geschichtsbezogener POV-Videos besteht darin, dass der historische Akteur zu Beginn »erwacht«: etwa in London während der Pestzeit oder in einem GULAG im Winter 1953. Mit zunehmender technischer Raffinesse erzeugen diese Videos ein starkes Authentizitätsgefühl und vermitteln den Eindruck, das Vergangene in seiner unmittelbaren Erfahrungsdimension zu zeigen. Reichweitenstarke Accounts wie @timetravellerpov, @pov_of_history auf TikTok oder @histairy_films auf Instagram erreichen damit ein Millionenpublikum.

Gerade diese Suggestivkraft ist jedoch problematisch. Die zugrundeliegenden KI-Modelle reproduzieren strukturelle Verzerrungen (Biases) ihrer Trainingsdaten, erzeugen stereotype Darstellungen und nicht selten sachliche Fehler (vgl. Hajri 2023). Hinzu kommt eine dramaturgische Zuspitzung: Sichtbar werden vor allem emotionalisierte, spektakuläre Momente, während historische Alltäglichkeit und Komplexität weitgehend ausgeblendet bleiben. Die erzeugten historischen Möglichkeitswelten sind daher hochgradig selektiv und folgen primär den Logiken algorithmischer Aufmerksamkeitsökonomie.
Erkenntnisse: Was zeigen KI-generierte POV-Videos?
KI-generierte POV-Videos sind bereits heute ein fester Bestandteil digitaler Geschichtskultur, insbesondere in bild- und videobasierten sozialen Medien. Für die Digital Public History und die Geschichtsdidaktik stellen sie eine Herausforderung dar: Welche Formen von Medienkompetenz sind notwendig – und zugleich realisierbar –, um einen reflektierten Umgang mit bildgenerativer KI in geschichtskulturellen Kontexten zu ermöglichen? Wie können sich die Geschichtswissenschaften aufstellen, wenn die Grenzen zwischen Produzierenden und Rezipierenden geschichtsbezogener Inhalte immer mehr verschwinden?
Aus einer längeren historischen Perspektive betrachtet sind Visualisierungen des Vergangenen nichts Neues. Neu ist jedoch, dass der eigentliche Akt der Bildproduktion vollständig maschinell erfolgt. Zwar geht der Impuls zur Visualisierung weiterhin vom Menschen aus, doch die Umsetzung liegt bei algorithmischen Systemen, die auf der Rekombination riesiger Bildkorpora beruhen. Generative KI fungiert damit nicht nur als Werkzeug, sondern als Akteur historischer Bildinterpretation – mit weitreichenden Konsequenzen für die Art und Weise, wie Geschichte gemacht und rezeptiert wird.
Quellen
@histairy_films, Instagram-Account, online unter https://www.instagram.com/histairy_films/ (Zugriff am 22.02.2026).
@pov_of_history, TikTok-Account, online unter https://www.tiktok.com/@pov_of_history (Zugriff am 22.02.2026).
@timetravellerpov, TikTok-Account, online unter https://www.tiktok.com/@timetravellerpov (Zugriff am 22.02.2026).
Dillenburg, Lena (2025): »Künstliche Intelligenz: Historische Figuren in bizarren KI-Filmen auf Social Media«, in: Spiegel, online unter https://www.spiegel.de/geschichte/kuenstliche-intelligenz-historische-figuren-in-bizarren-ki-filmen-auf-social-media-a-584fcb0d-62ac-48ab-918f-69ff7c8806e1 (Zugriff am 22.02.2026).
Hajri, Oumaima (2023): »The Hidden Costs of AI. Decolonization from Practice back to Theory«, in: Thiel, Sonja/Bernhardt, Johannes C. (Hg.), AI in Museums, Bielefeld: transcript, S. 57-64. doi: 10.14361/9783839467107-006.
HeyGen (o.J.): »Beleben Sie historische Ereignisse mit KI-gestütztem Video-Storytelling«, in: HeyGen, online unter https://www.heygen.com/de-de/use-cases/historical-storytelling (Zugriff am 22.02.2026).
Schöler, Leonie (2025): »Darum sind KI-Videos über historische Ereignisse ein Problem«, in: Spiegel, online unter https://www.spiegel.de/geschichte/kuenstliche-intelligenz-darum-sind-ki-videos-ueber-historische-ereignisse-ein-problem-a-cb3a7161-308d-4c43-80cb-61394d2417a6 (Zugriff am 22.02.2026).
Weiterführende Literatur
Berg, Mia/Lorenz, Andrea (2023): »#InstaHistory – Akteur:innen und Praktiken des Doing History in den sozialen Medien«, in: Jürgen Büschenfeld/Marina Böddeker/Rebecca Moltmann (Hg.), Praktiken der Geschichtsschreibung: Vergleichende Perspektiven auf Forschungs- und Vermittlungsprozesse, Bielefeld: transcript, S. 69-87. doi: 10.1515/9783839463451-006.
Berg, Mia/Lorenz, Andrea (2024): »#BigDataHistory. Forschungspragmatische Überlegungen zu Geschichte in sozialen Medien«, in: Olaf Hartung/Alexandra Krebs/Johannes Meyer-Hamme (Hg.), Geschichte im digitalen Wandel?, Frankfurt a.M.: Wochenschau, S. 104-128.
Gensburger, Sarah/Clavert, Frédéric (2024): »Is Artificial Intelligence the Future of Collective Memory?«, Memory Studies Review 1(2), S. 195-208. doi: 10.1163/29498902-202400019.
Das Virtuelle Objekt des Monats
Seit April 2023 stellen wir jeden Monat ein »Virtuelles Objekt des Monats« (VOM) auf der Website des Sonderforschungsbereichs 1567 »Virtuelle Lebenswelten« vor. Die präsentierten Objekte entstammen der Forschung in den Teilprojekten. Im Zusammenspiel von Text und Animation, desktop- oder smartphonebasierter Augmentierung oder anderer grafischer Aufbereitungen eröffnen wir Einblicke in die verschiedenen Forschungsthemen und den Arbeitsalltag des SFB. Das VOM macht unsere Wissensproduktion transparent. Zugleich wollen wir hier mit den Möglichkeiten und Grenzen der Wissensvermittlung in und durch Virtualität und Visualität experimentieren.
Das »Virtuelle Objekt des Monats« ist mehr als ein populärwissenschaftlicher Text und mehr als ein illustrierendes Bild. Die Autor*innen des jeweiligen VOM präsentieren kurz einen Gegenstand ihrer Forschung um daran ein Argument scharfzustellen. Dabei werden die Objekte auf ihren Mehrwert hin befragt, den sie in dem jeweiligen Forschungssetting preisgeben. Mit dem Text skizzieren unsere Wissenschaftler*innen das Bemerkenswerte, das Eigentümliche oder auch das Einzigartige, welches das jeweilige Objekt zeigt. Sie machen so die Forschung des SFB in einem kurzweiligen Schlaglicht sichtbar. Die zum VOM gehörende Visualisierung ist eine weitere Transformation des Forschungsgegenstands, die das Argument noch einmal auf eine andere Art und Weise zugänglich macht.