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Möglichkeitsräume in virtueller Hochschuldidaktik

DiVe – Didaktik und Virtualität erfahren | 04/2026

Raphaela Gilles

27. April 2026

Am 23.03. fand die letzte Veranstaltung des Didaktikstudios in der aktuellen Förderphase des Sonderforschungsbereichs 1567 »Virtuelle Lebenswelten« unter dem Titel »Möglichkeitsräume – Lehren und Lernen auf dem virtuellen Campus« statt. Der Fokus lag auf der Relevanz von Raum und Räumlichkeit in hochschulischer Lehre, wobei Praxisbeispiele zu modernen Raumkonzepten den Anstoß für die gemeinsame Diskussion mit externen Gäst*innen – Caroline Grabensteiner (Goethe-Universität Frankfurt) und Malte Kleinwort (RUB) – boten. Der vorliegende Blogbeitrag erläutert im Nachgang den Stellenwert von Raum und Räumlichkeit in virtueller Hochschuldidaktik und skizziert aktuelle Fragen sowie Herausforderungen im selbigen Kontext.

Der (virtuelle) Raum in derHochschule

Im Zuge des ›Spatial Turns‹ wurde der Vorstellung des Raums als bloße materielle Gegebenheit zugunsten einer aktiven Konstruktionsleistung eine Absage erteilt. Raum stellt vielmehr ein »dynamisches Gebilde« (Löw 2019:154) dar, das als »relationale (An)Ordnung sozialer Güter«(ebd.) verstanden wird. Soziale Güter bezeichnen dabei Produkte, die einem materiellen und symbolischen Handeln entspringen (Kreckel 1992, zitiert in: Löw 2019: 154). Wird Raum konstruiert, finden Prozesse des Spacing sowie der Syntheseleistung statt, soziale Güter werden errichtet oder gebaut und letztlich »über Wahrnehmungs-, Vorstellungs- oder Erinnerungsprozesse« (ebd.: 159) gemeinsam mit Personen in Räumen zusammen gedacht. Durch die Alltäglichkeit des Raums und seine Loslösung aus den Kultur- und Sozialwissenschaften gilt dieser als interdisziplinäres Phänomen (vgl. Brandt/Bachmann 2014), das relevante Erkenntnisse für didaktische Prozesse bereitstellt, wie es bspw. im Konzept des Raums als dritter Pädagoge ersichtlich wird.

Durch bildungspolitische und gesellschaftliche Entwicklungen – Bologna, Qualitätspakt Lehre, Covid-19 – ist die Relevanz und Reflexion des Raums in der Hochschule deutlich gestiegen. Trends wie der ›shift from teaching to learning‹ oder mobile learning fanden Einzug in den Diskurs der Hochschullehre und Förderlinien wie ›Freiraum‹ oder ›Lehrarchitektur‹ der Stiftung Innovation in der Hochschullehre (StIL) wurden initiiert, um innovativen Lehr-/Lernideen Raum zu geben. Auch abseits vergangener Entwicklungen rund um den Raum wird deutlich, dass der Raum nicht an Bedeutung verloren hat. So wird bspw. im Themenheft zu räumlichen Perspektiven hochschulischer Bildungskulturen (vgl. Mrohs et al. 2026) auf Innovation, Professionalisierung oder Rahmenbedingungen von Hochschulen im Kontext des Raums verwiesen. Eine Rolle spielt dabei auch das Virtuelle, exemplarisch aufgegriffen durch die virtuelle Realität, virtuelle Lernräume, das VR-Klassenzimmer oder Künstliche Intelligenz. Der Campus als Großraum universitären Lehrens und Lernens versteht sich hierbei als Konglomerat aus verschiedenen Raumtypen, wie Lehrräume, Lernräume, Zwischenräume oder Prüfungsräume (vgl. Brand/Bachmann 2014). Stang (2022) ergänzt um Projekträume sowie Bibliotheken, die mit Blick auf den Erwerb von Schlüsselkompetenz wie wissenschaftlichem Schreiben gerade an der und für die Universität nicht zu vernachlässigen sind. Als Lernort – nicht Raum – bietet sie letztlich Anlässe zum Lernen in virtuellen Hochschulräumen, was »nicht so sehr Ansammlung und Rezeption von Information als vielmehr die sukzessive Erschließung von Bedeutung durch Vernetzung, Modifizierung und Teilung« (Noller 2024: 21) beschreibt. Grundlage ist ein Verständnis des virtuellen Raums als »Vernetzungs- und Verweisungssystem« (ebd.: 16), das auf Relationalität abstellt und Praktiken ermöglicht sowie beschränkt.

Praxisbeispiele: Das Raumlabor Philologie (RUB) und der SCALE-UP-Raum (HAW Kiel)

Raumlabor der Fakultät für Philologie, RUB (© Robert Schütze)

Da Hochschullehre immer auch Praxiselemente beinhaltet, wurden im Rahmen der Veranstaltung exemplarisch zwei Räume vorgestellt, die auf einem modernen didaktischen Raumkonzept fußen. Das ›Raumlabor Philologie‹ vereint die Funktionalität eines Seminar- und Veranstaltungsraums mit Möglichkeiten des Erholens und Lernens und wird somit zum studentischen Treffpunkt. Es bietet einen polyzentrischen Lehrbereich, Orte des informellen Lernens sowie Hybridtechnik und folgt dem Ansatz der bewegten Lehre (vgl. Schütze 2026). Durch flexibles Mobiliar sowie eine moderne Ausstattung ist eine bedarfsorientierte Gestaltung des Raums möglich (vgl. ebd.). So lassen sich verschiedene Nutzungsszenarien imaginieren (vgl. ebd.): Der Raum kann einerseits für formale Veranstaltungen wie Seminare & Workshops genutzt werden, andererseits jedoch auch ko-kreative Szenarien mit einschließen. Studierende erhalten die Möglichkeit, selbstorganisiert zu arbeiten und im Sinne des Peer-Learnings von studentischen Unterstützungsstrukturen in informeller Atmosphäre zu profitieren. Auf der Homepage finden sich neben den Ansprechpartnern auch Nutzungstipps für die gemeinsame Arbeit sowie Erklärungen zur Raumausstattung. Finanziert wurde das Raumlabor durch das Lerninfrastrukturprogramm der RUB, das Projekt »Flächen der Zukunft: Lehr- und Lernflächen« und Mittel der Fakultät für Philologie.

SCALE-UP-Raum (©HAW Kiel)

Als zweites Praxisbeispiel wurde auf den ›SCALE-UP‹-Raum an der HAW Kiel verwiesen. Das SCALE-UP-Prinzip hat seinen Ursprung in den USA und bezeichnet ein alternatives Konzept von Lehre und Raum, das eine ›Student-Centered Active Learning Environment with Upside-Down Pedagogies‹ darstellt. Zugrundeliegende Konzepte sind dabei der Inverted Classroom, bei dem Inhalte zuhause vorbereitet und in der gemeinsamen Veranstaltungszeit aktiv vertieft werden, projekt- und problembasiertes Lernen oder auch ›Just in Time-Teaching‹, bei dem Aufgaben meist unmittelbar vor Veranstaltungsbeginn bearbeitet werden (vgl. Evers et al. 2025). Der Fokus liegt auf der aktiven Zusammenarbeit der Studierenden, das sich von dem klassischen Frontalunterricht distanziert. Optisch zeichnet sich der Raum durch Gruppenarbeitstische, sog. Tischinseln, interaktive Bildschirme, Kameras sowie die Ausstattung mit Mikrofonen aus (vgl. ebd.). Die farbliche Gestaltung ist eher schlicht – neben weiß und schwarz finden sich vor allem Blautöne wieder, bspw. bei der Polsterung der Stühle. Beide Raumkonzepte weisen somit eine gute medientechnische Ausstattung auf, legen jedoch auch Wert auf ausreichend Sitzgelegenheiten, Austausch oder kollaboratives Arbeiten im physischen Raum.

 

Erkenntnisse aus der Diskussion

Ausgehend von den Praxisbeispielen wurde auf weitere innovative Räume verwiesen, bspw. bei der Kaleidoskopschule in Mülheim an der Ruhr, die auf offene Raumkonzepte setzt, um individuelles Lernen zu fördern. In diesem Zuge wurden klassische Lehrräume der Universität kritisch hinsichtlich ihres Potenzials zur Unterstützung des universitären Lernens reflektiert. Es wurde die Frage aufgeworfen, wo Universitäten bewusst Räume zur Erholung bieten, z.B. mit Blick auf die enge Taktung der Stundenpläne.

In diesem Kontext wurde auch auf das Pendeln verwiesen, da sowohl an der Ruhr-Universität als auch der Goethe-Universität Frankfurt Personen studieren, die nicht unmittelbar am Standort wohnen. Raum geben heißt hier auch für Wohnraum sorgen, um Raum für Austausch und Interaktion zu schaffen, denn wer pendelt, verfügt über weniger Zeit, sich auf dem Campus in konkreten Lehr- und Lernräumen zu vernetzen. Dies zieht auch Fragen sozialer Ungleichheit nach sich, der nur in Teilen durch Künstliche Intelligenz oder virtuelle Lehre entgegengewirkt werden kann. Auch eine Sensibilisierung für Bedürfnisse der Studierenden scheint geboten. So wurde diskutiert, inwiefern sich ein Neubau von Hörsälen als sinnvoll gestaltet, wenn Studierende klassischen Lehrformen wie der Vorlesung kritisch gegenüberstehen.

Die Diskussion zeigt, wie stark sich Raum und Lehrkonzept bedingen – dass das eine ohne das andere nicht gedacht werden kann. Die Lage gestaltet sich überdies komplex, wenn die Motive für individuelle Präferenzen variieren: So profitieren gerade pendelnde Studierende von virtueller Lehre, während Präsenzveranstaltungen für Studierende in der Eingangsphase das Netzwerken erleichtern. In virtueller Lehre verändert sich zudem die Interaktionsquantität sowie -qualität erheblich. Die Ausgestaltung von Raum ist hier vor allem an menschliche Praktiken geknüpft, sodass der Mensch als Referenzpunkt fungiert, an dem sich Lehre auszurichten hat, in welcher Form auch immer. Letztlich benötigen Hochschulen, aber auch Lehrende ein gewisses Maß an Probiermentalität, um auszutarieren, wie bedürfnis- und zielgruppenorientierte Lehre aussehen kann. Notwendig erscheint die Etablierung einer Fehlerkultur, die eben jenes Ausprobieren nach dem ›trial-and-error‹-Prinzip erlaubt, was jedoch mit Irritationen seitens der Studierenden einhergehen kann, da Lehrende nunmehr nicht allwissend sind, sondern sich selbst in einer Suchbewegung befinden. Begleitet werden kann dies durch Maßnahmen wie kollegiale Beratung oder Supervision – doch dafür fehlt vielfach nicht nur der Raum, sondern auch die Zeit.

 

Fazit

Um die Erkenntnisse derT eilnehmenden zu sichern, wurde mit der Formulierung von Schlagzeilen gearbeitet. Die für virtuelle Hochschuldidaktik relevanten Themen lassen sich anhand der Überschriften recht gut identifizieren:

Für die Hochschulbildungsforschung ergeben sich daher Anknüpfungspunkte im Sinne einer Identifizierung von strukturellen und organisationalen Herausforderungen wie auch von Auswirkungen sozialer und affektiver Praktiken auf Raumkonstruktion und Raumaneignung im Kontext virtueller Hochschullehre. Den im Didaktikstudio geöffneten Raum gilt es nun mit weiteren Forschungs- und Lernideen zu füllen.

Literatur

Brand, S./ Bachmann, G. (2014): Auf dem Weg zum Campus von morgen. In: Rummler, K. (Hrsg.): Lernräume gestalten – Bildungskontexte vielfältig denken. Münster u.a.: Waxmann, S. 15-28.

Löw, M. (2019): Raumsoziologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Mrohs, L./ Herrmann, C./ Brodel,H./ Franz, J./ Herrmann, D./ Lindner, K. (Hrsg.): Räumliche Perspektiven hochschulischer Bildungskulturen. Bielefeld: wbv.

Noller, J. (2024): In: Noller, J./ Beitz-Radzio, C./ Förg, M./ Johst, S. E./ Kugelmann, D./ Sontheimer, S./ Westerholz, S. (Hrsg.): Medien-Räume. Eröffnen – Gestalten – Vermitteln. Wiesbaden: Springer VS, S. 13-24.

Schütze, R. (2026): Raumlabor Philologie: Wie ein partizipatives Experiment an der RUB zur Lernumgebung wird. In: ZfW-Blog. URL:https://zfw.rub.de/raumlabor-philologie-wie-ein-partizipatives-experiment-an-der-rub-zur-lernumgebung-wird/#wunschzettel-raumlabor [Stand: 17.02.2026]

Stang, R. (2022). Gestaltung von Lehr-/Lernräumen als Strategiefeld. Herausforderungen für eine physische Lernwelt der Zukunft. In: Stang, R./ Becker, A. (Hrsg.): Lernwelt Hochschule 2030. Konzepte und Strategien für eine zukünftige Entwicklung. Berlin: de Gruyter, S. 191- 203.

Zu DiVe

DiVe ist der Blog des Didaktikstudios. Wir berichten über Lehrerfahrungen des SFB mit Blick auf die Nutzung von Virtualität. Der Blog erscheint alle zwei Monate und widmet sich sowohl innovativen Lehr- und Lernmethoden als auch konkreten Praktiken im Kontext virtueller Hochschuldidaktik. Es werden didaktische Vorgehensweisen mit virtuellen Tools vorgestellt und Veranstaltungsberichte veröffentlicht. Hauptautorin ist Raphaela Gilles, je nach thematischem Fokus wechselt die Autor*innenschaft hin zu Mitgliedern des SFB sowie externen Beitragenden. Bei Fragen und Ideen schicken Sie gern eine Mal an raphaela.gilles[at]rub.de.