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Virtuelle Hochschuldidaktik aus empirischer Perspektive

DiVe – Didaktik und Virtualität erfahren | 02/2026

Raphaela Gilles

24. Februar 2026

»DiVe« hat sich zum Ziel gesetzt, über innovative Lehr- und Lernmethoden sowie konkrete Praktikenim Kontext virtueller Hochschuldidaktik zu berichten. Die bisher erschienenen Beiträge in unserem Blog beleuchteten unterschiedliche Aspekte innovativer und virtueller Hochschuldidaktik, so das Arbeiten mit Künstlicher Intelligenz, Studieren in virtuellen Welten, die Nutzung digitaler Rollenspiele oder den Einsatz von KI-gestützten Erklärvideos. Dieser Beitrag greift den Begriff der »virtuellen Hochschuldidaktik« auf und liefert erste Impulse, was theoretisch sowie empirisch darunter verstanden werden kann.

Ausgangslage

Zieht man eine erste theoretische Herleitung auf Basis der Definitionen von Hochschuldidaktik nach Tenorth und Tippelt (2007), Merkt (2014) sowie Scheidig (2016) heran, kann virtuelle Hochschuldidaktik als »ein eigenständiges Wissenschaftsgebiet bezeichnet [werden], das sich in Forschung und Entwicklung reflexiv mit virtuellen, d.h. digital ermöglichten Lehr- und Lernprozessen im institutionell-organisierten Kontext von Hochschule befasst und das Ziel einer Qualitätsverbesserung in Lehre und Studium verfolgt« (Gilles 2024: 97). Zugrunde liegt ein Virtualitätsverständnis, das – im Kontext der Digitalisierung gedacht – die durch Virtualität entstehenden Möglichkeitsräume in den Blick nimmt. Das Reflexivitätsmoment ergibt sich aus der Begegnung mit dem Virtuellen als etwas Anderem, der Alteritätserfahrung. Dabei wird Virtualität zwar als Teil der menschlichen Lebenswelt gefasst, mit ihr geht jedoch ein anderes Raumverständnis einher, das veränderte Denk- und Handlungsmöglichkeiten eröffnet.

Methodik & erste Ergebnisse

Auf Basis meines laufenden Promotionsprojekts, das sich der Erforschung virtueller Hochschuldidaktik aus empirischer Perspektive widmet, lassen sich weitere Erkenntnisse zum Forschungsgegenstand herausarbeiten. Grundlage bilden 19 leitfadengestützte Expert*inneninterviews, die mit in der Hochschuldidaktik Tätigen aus dem DACH-Raum geführt wurden. Neben der Frage nach dem subjektiven Verständnis von Virtualität sowie der Nutzung des Begriffs im eigenen Arbeitsalltag wurden Assoziationen zum Themenfeld »virtuelle Hochschuldidaktik« erhoben. Ausgewertet werden die Daten mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz & Rädiker (2024). Im Folgenden werden erste Ergebnisse vorgestellt und Rückschlüsse auf eine potenziell sich verändernde Hochschullehre unter den Bedingungen von Virtualität gezogen.

In den Interviews lassen sich vielfältige Aussagen dazu finden, was unter virtueller Hochschuldidaktik verstanden werden kann. So wird mit ihr etwas technologievermitteltes (I18) assoziiert, was sich bspw. in digitalem Lernen (I15) konkretisiert. Mit Blick auf das Virtuelle wird der Begriff entweder aufgenommen (»in einem virtuellen Raum Lehren und Lernen verbessern« (I1, Z.318)) oder es wird eine distanzierte Haltung eingenommen, indem eher auf eine »medienbezogene Hochschuldidaktik« (I6, Z. 600f.) verwiesen wird. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass virtuelle Hochschuldidaktik unter dieser Bezeichnung nicht gebräuchlich ist (I2; I5); gelegentlich finden sich in den Transkripten längere Pausen vor oder während der Stellungnahme zum Ausgangsimpuls (s. bspw. I1 oder I8).

Im Sinne derqualitativen Inhaltsanalyse wurden erste (vorläufige) Kategorien gebildet, die verschiedene Facetten des Begriffs beleuchten. Folgende Hauptkategorien weisen einen Bezug zu Hochschullehre auf:

Charakteristika

In mehreren Interviews wird das Virtuelle als etwas gesehen, das einen Möglichkeitsraum eröffnet. Der Raumbezug bzw. eine räumliche Situierung zeigt sich weiterhin darin, dass das Virtuelle trotz der Flexibilisierungsoptionen hinsichtlich der örtlichen und zeitlichen Situation (bspw. durch Online-Lehre) eine Ortsgebundenheit impliziert, da bspw. hochschuldidaktische Zentren weiterhin an konkreten Standorten lokalisiert sind. Des Weiteren wird virtuelle Hochschuldidaktik mit Künstlichkeit und künstlich erzeugten Räumen assoziiert. Das als-ob-Moment wird auch hier deutlich, bspw. mit Blick auf Tagungen, die mithilfe der Plattform Gathertown stattfinden. Es wird eine Situation imaginiert, in der sich Tagungsmitglieder in Form von Avataren in verschiedenen Räumen einer Location befinden und sich zusammenschließen können, um synchron Vorträgen beizuwohnen oder in einen Austausch zu treten (s. bspw. auch den VR-Chat als soziale Plattform). Das Kriterium der Synchronizität (Scheidig 2020) ist dabei entscheidend, um konkretes Handeln in einer Struktur der Zeit(un)gebundenheit zu betrachten.

Lehrformate

Unter virtueller Hochschuldidaktik wird – neben Aufgabenbereichen wie Beratung oder Forschung – auch die Beschäftigung mit Hochschullehre gefasst. Dabei geht es ebenso um die Identifizierung aktueller Themen sowie die Entwicklung und Konzeption passender Lehrformate. Eine virtuelle Hochschuldidaktik bedient sich dabei den Interviewaussagen zufolge der Formen, wie sie bereits bekannt sind, darunter Blended Learning oder digitales Lernen, oder nutzt innovativere Modelle wie das Virtual Exchange-Format (I1). Dies eröffnet Chancen, auch interkontinental im Sinne der Förderung von Internationalisierung zu lehren und zu lernen. Als Arbeitsform, die gegenwärtig bereits beinahe selbstverständlich Teil hochschulischer Lehre wie auch Forschung ist, wird das kollaborative Arbeiten (I7) genannt. Dieses Interview sticht dadurch heraus, dass die Nutzung kollaborativer Tools die erste Assoziation zu virtueller Hochschuldidaktik ist. Durch die zeitliche und räumliche Freiheit wird gemeinsames Arbeiten nicht zwingend zu einem unstrukturierten Prozess, sondern kann – sowohl synchron als auch asynchron – durch Blogs oder geteilte Dokumente eine bewusste Beschäftigung mit den Inhalten fördern.

Instrumentarium

Daran anschließend nutzt virtuelle Hochschuldidaktik Methoden und Werkzeuge, um Wissen zu vermitteln oder zu erschließen. Pandemiebedingt haben bspw. Videokonferenzsysteme wie Zoom oder BigBlueButton an Relevanz gewonnen. Ebenso genannt wurden Augmented (I7) sowie Virtual Reality (I13). Wenig überraschend ist, wie viel Raum Künstliche Intelligenz einnimmt, sei es im Sinne der generativen KI (I2) oder mit Blick auf Tutoring-Systeme (I13). Daran schließen sich auch Fragen nach der Entität Künstlicher Intelligenz an: So wird ein Gegenüber imaginiert (I13), das gleichzeitig jedoch ohne Substanz zu sein scheint (I2).

 

Fazit

Benötigt die moderne Hochschullehre eine virtuelle Hochschuldidaktik? Darüber scheint in den Interviews kein Konsens zu bestehen. Auch die Gründe für oder gegen die Nutzung des Begriffs unterscheiden sich. In manchen Fällen werden Ansichten noch im Interview revidiert – der Vorteil, wenn Interviewpartner*innen nicht nur thematisch beinahe frei assoziieren dürfen, sondern auch zeitlich ungebunden sind. Explorative Vorhaben eignen sich zur Annäherung an ein Forschungsfeld, das sich als heterogen erweist, dennoch aber spannende Erkenntnisse bereithält. Vor allem der starke Raumbezug, der im Kontext des Virtuellen artikuliert wird, scheint ein Knotenpunkt zu sein, von dem aus es sich lohnt, hinsichtlich einer virtuellen Hochschullehre weiterzudenken.

Quellen

»I1–I18« geben die jeweiligenInterviews an, aus denen das Material stammt.

 

Literatur

Eggensperger, Petra/Kleiber, Ingo/Klöber, Rafael/Lorenz, Stefanie Maria/Schindel, Anne(2023): Virtuelle Hochschullehre. Ein Handbuch in 50 Fragen und Antworten, Heidelberg: heiBOOKS.

Gilles, Raphaela (2024): »Hochschuldidaktik, virtuelle«, in: Early Career Forum des SFB 1567 (Hg.), Vokabular des Virtuellen. Ein situiertes Lexikon, Bielefeld: transcript.

Kuckartz, Udo/Rädiker, Stefan (2024): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Umsetzung mit Software und künstlicher Intelligenz, Weinheim: Beltz Juventa.

Merkt, Marianne (2014): »Hochschuldidaktik und Hochschulforschung. Eine Annäherung über Schnittmengen«, in: die hochschule 23, S. 92–105.

Scheidig, Falk (2016): »Zum Verhältnis von Allgemeiner Didaktik und Hochschuldidaktik«, in: Klaus Zierer (Hg.), Jahrbuch für Allgemeine Didaktik 2016. Thementeil: Allgemeine Didaktik und Hochschule. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S. 12-28.

Scheidig, Falk (2020): »Digitale Transformation der Hochschullehre und der Diskurs über Präsenz in Lehrveranstaltungen«, in: Reinhard Bauer/Jörg Hafner/Sandra Hofhues/Mandy Schiefner-Rohs/Anne Thillosen/Benno Volk/Klaus Wannemacher (Hg.), Vom E-Learning zur Digitalisierung. Mythen, Realitäten, Perspektiven, Münster: Waxmann, S. 243-259.

Tenorth, Heinz-Elmar/Tippelt, Rudolf (2007): »Virtualität«, in: Heinz-Elmar Tenorth/RudolfTippelt (Hg.), Beltz-Lexikon Pädagogik, Weinheim: Beltz Juventa, S. 324.

Zu DiVe

DiVe ist der Blog des Didaktikstudios. Wir berichten über Lehrerfahrungen des SFB mit Blick auf die Nutzung von Virtualität. Der Blog erscheint alle zwei Monate und widmet sich sowohl innovativen Lehr- und Lernmethoden als auch konkreten Praktiken im Kontext virtueller Hochschuldidaktik. Es werden didaktische Vorgehensweisen mit virtuellen Tools vorgestellt und Veranstaltungsberichte veröffentlicht. Hauptautorin ist Raphaela Gilles, je nach thematischem Fokus wechselt die Autor*innenschaft hin zu Mitgliedern des SFB sowie externen Beitragenden. Bei Fragen und Ideen schicken Sie gern eine Mal an raphaela.gilles[at]rub.de.